Simon Halfmeyer – Wandzeichnungen

von Claudia Postel

28. August – 18. Oktober 2014

 

Kakteen, Bäume, Palmen, Farne und Agaven, das Dickicht ist undurchdringlich, die Vegetation ein üppiges grünes Paradies. Wild Island ist der Traum einer tropischen Insel, unerforscht und unberührt. Doch die Wildnis ist nur Schein, die Projektion einer Fantasie. Seine Pflanzen sind eine künstliche Ansammlung, eine Montage aus Einzelmotiven, jedes für sich aus zivilisatorischem Kontext: Fotografien aus Gewächshäusern, Illustrationen von Zeitungsberichten. Manuell nachgezeichnet und gescannt, digital bearbeitet und collagiert sind sie das Ergebnis technischer und urbaner Entwicklungen, eine Fiktion, nicht weniger künstlich und arrangiert als die fantastischen Reisen der Literatur des 19. Jahrhunderts.

Ihr Architekt, der Düsseldorfer Künstler Simon Halfmeyer, spielt mit dem Sehnsuchtsbild von Wildnis. Im zarten Pink hinter Glas gedruckt macht sich der Zeitungsbericht über einen Doktor und sein Restaurant in der Südsee wie ein Pinselstrich aus, erst wer es näher untersucht, erkennt die Palmen, die in vielen Arbeiten wiederkehren. Das scheinbar gebändigte Urbane, die Architektur oder Straßenbeleuchtung werden zum Dickicht, die Stadt zum Dschungel aus Masten und Häusern. Ist uns die Stadt bekannt oder doch ebenso Wildnis, künstlich angelegt und doch unbekannt wie der Dschungel, das Urban Island als Dependant zum Wild Island?

Die Botschaft zieht sich durch die verschiedensten Medien, Motive wandern, Kakteen finden auf Glasplatten ebenso wie den daneben liegenden Wänden oder Holzinstallationen ihren Platz. Simon Halfmeyer experimentiert mit Motiven und Techniken. Graphiken wie „Wild Island“, das 2009 den Graphikpreis von NRW gewann, bedienen sich aus dem Reservoir von Urwaldpalmen und exotischen Pflanzen ebenso wie die Wandinstallation, finden als Skulptur den Weg in die Dreidimensionalität und lassen damit zugleich Architektur zum Teil der Grafik werden, denn als Vorlage diente ein Teil des Berliner Doms.

Wie der Siebdruck hinter Glas, dessen unbedruckte Kreise die Wandfläche sichtbar werden lassen, ist auch die Graphik von Ausstanzungen durchlöchert, die farbig hinterlegt sind. Andere Wandbilder geben in opaken Flächen kreisförmige Ausschnitte frei, die ein erfundenes „Dahinter“ zeigen, ein Durchblick durch die großflächige Malerei auf das (gemalte) Sadtszenario, das die Frage nach Fiktion und Realität stellt: Wenn etwas den Blick freigibt, muss das, was dahinter sichtbar wird, nicht das eigentlich „Wahre“ sein oder gibt es hier verschiedene Ebenen von Realität? Durchblicke aus dem Bild oder in das Bild, Ausschnitt eines vorhandenen Bildes – ausgestanzt wie in den „Borrowed Snapshots“ oder Durchblick in eine erfundene Welt, Transparenz für den Blick in den realen Raum oder Leerstelle – Simon Halfmeyer thematisiert den Perspektivwechsel und die Möglichkeiten von Form und Transparenz. Der Kreis verbindet das Davor mit dem Dahinter, die Realität mit der Fiktion und lässt eines zum Bestandteil des anderen werden.

Gerade mit seinen Wandzeichnungen geht Simon Halfmeyer naturgemäß auf den Raum besonders ein. Ihr Entwurf orientiert sich an der  Raumstruktur, der Rhythmus der Elemente, ihre Dichtigkeit und gegebenenfalls auch ihre Farbe variieren dementsprechend. Sie können den Besucher umschließen und nehmen so Einfluss auf das Raumempfinden der Person die sich vor und in ihnen bewegt. Was in Dschungel- und Pflanzenstrukturen schon angelegt ist, wird in abstrakteren Wandzeichnungen zum Thema: Der Rhythmus der farbigen Linien, die wie Notenzeilen die Wand unterteilen korrespondiert mit der Architektur des Raumes, die Farbe mit seiner Umgebung. Wie ein Gerüst schließt sie die Glasarbeiten ein, die wiederum das aus anderen Arbeiten bekannte Palmenmotiv in die Installation bringen.

Wenn dann die Linien einer in Coesfeld auf die Wand gebrachten Wurzelstruktur in einer Belgrader Wandzeichnung zur Wasseroberfläche und schließlich zum metallenen Netz werden, das übermalt und vom Künstler gebogen zur Skulptur wird (vgl. Struktur&Volumen), die wiederum an Wänden montiert Teil der nächsten Installation wird, wenn eine Studienzeichnung zum Blattmuster einer Heckeninstalltion wird, die wieder Teil einer kommenden Wandzeichnung werden kann, schließt sich der Kreis aus Motivsuche und Formgebung. Die Wiederholung und ihre Abwandlung wird zum Prinzip, die Umsetzung zur Vorlage und das Ergebnis Ausgangspunkt von Neuem. „Loop and Relate heißt eine Schrift-Skulptur, die (raumfüllend) in der gleichnamigen Ausstellung des Museum Morsbroich von 2010 zu sehen war und das Prinzip zieht sich auch heute noch durch Simon Halfmeyers Arbeiten fort.